Psychosomatik

Eine Reizblase spiegelt Spannungszustände wider PDF Icon

Meistens sind Frauen von einer Zystalgie betroffen – Oft lässt sich das Problem mit einfachen Mitteln lösen

Martina Schneider im Magazin „Der Heilpraktiker“
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Meistens sind es Frauen, die von einer sogenannten überaktiven Harnblase betroffen sind: Zu anfangs ständigem Harndrang mit geringen Mengen Urin gesellt sich später unwillkürliches Abgehen von Harn. Manche Betroffenen haben zudem Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen oder ein unbestimmbares Schmerzgefühl im Unterbauch. Alle sind Symptome, die es schwer machen, eine Reizblase von einer Blasenentzündung zu unterscheiden. Allerdings finden sich bei einer Zystalgie keine Anzeichen im Urin, die für eine Infektion sprechen.

Im Überblick:

  • Die Blase ist Sammelbecken für bis zu 800 ml Urin. Ab einer Füllung von 300 bis 350 ml setzt starker Harndrang ein, weshalb die Blase mehrmals täglich entleert werden sollte.
  • Die durchschnittliche Urinmenge beträgt bei Erwachsenen 1,5 Liter.
  • Urin besteht zu 95 Prozent aus Wasser, der Rest sind Harnstoff, Harnsäure und Kreatinin.
  • Die Harnröhre der Frau ist etwa vier Zentimeter lang, die des Mannes etwa 20.
  • Frauen erkranken viermal häufiger an einer Blasenentzündung als Männer.
  • Zwischen fünf und zehn Prozent der Frauen in Deutschland leiden unter einer chronischen Zystitis, meistens verursacht durch E-Coli-Bakterien.
  • Geschätzt vier Millionen Bundesbürger leiden an einer Reizblase. Allerdings gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus. Zu 80 Prozent sind Frauen von einer Zystalgie betroffen.

Störungen im vegetativen Nervensystem werden als Hauptursache vermutet, die eine primäre Reizblase entstehen lassen. Der Patient kann nicht mehr vollständig die Blasen- und Beckenbodenmuskulatur bewusst steuern, eine Problematik, die sich verstärkt, steht er unter psychischem Druck. Oder ist Kälte- und Nässereizen ausgesetzt. Die Blasenwand zieht sich zusammen, der Blasenschließmuskel hält dem Druck nur schwer stand, starker Harndrang wird empfindlich spürbar. Die Folgen: Pollakisurie, Stressinkontinenz, mitunter Strangurie.

Eine primäre Zystalgie entsteht meist

  • bei körperlicher Abkühlung (allgemein oder bei kalten Füßen)
  • bei Reizen durch kalte Nässe
  • nach dem Genuss kalter Getränke
  • nach Geschlechtsverkehr
  • bei psychischer Erregung („Sextanerblase“)

Oft zeigt die Anamnese bei Frauen Kreislaufstörungen, Müdigkeit bis hin zur Erschöpfung, Sexualstörungen, Migräne, Magen-Darm-Beschwerden. Den Symptomen gemeinsam: Dem Leistungsdruck hält auch die Blase nicht stand, und darüber zu sprechen, ist mit Angst- und vor allem Schuld- und Schamgefühlen besetzt.

Sind körperliche Ursachen der Auslöser, wird dem Betroffenen eine sekundäre Zystalgie attestiert:

  • Lageänderung der Blase und Erschlaffung des Beckenbodens nach Geburten
  • Verletzungen, Traumata
  • Rezidivierende Zystitis
  • Interstitielle Zystitis (Entzündung der Blasenwand verkleinert das Fassungsvermögen)
  • hormonelle Umstellungen in den Wechseljahren (Östrogenmangel)
  • körperliche Veränderungen in der Schwangerschaft
  • Verengung des Harnleiters, Veränderungen im Bereich der Blase und dem kleinen Becken
  • schwacher Blasenschließmuskel mit Urinabgang beim Husten, Niesen, Pressen, Heben oder Lachen
  • Neurologische Erkrankungen

In der Psychosomatik werden einige Möglichkeiten bedacht, die eine Reizblase entstehen lassen. Wenn Frauen oder Paare älter werden, kann Sexualität zum Konfliktthema werden. Diskutiert wird auch, inwieweit sich unterdrückte Wut nicht nur über die Leber äußert, sondern auch über die Blase, damit sie auf dem Wege wenigstens täglich und häufig „ausgedrückt“ werden kann. Für Psychokinesiologen ist Blase wie Gebärmutter mit der Scham eng verknüpft, einem Gefühl, das neben Ekel das stärkste ist, das der Mensch empfindet. Und das er gerne umgeht, vermeidet. Strebt er allerdings Veränderung in seinem Leben an, kann die Scham ihm willkommener Lehrmeister sein: Denn sich für eigenes Fehlverhalten, das ins Bewusstsein gedrungen ist, zu schämen (und sich zu entschuldigen), ist oft wirkungsvoller Motivator für schnelle tiefgreifende Wandlung.

Erwachsene können auch dann an einer Zystalgie leiden, wenn sie eine Kindheit erlebt haben, die von Bestrafung und Belohnung geprägt war, von Aufwertung der Pflichten und Abwertung der Rechte, von Prüderie und Doppelmoral. Schuld- und Frustrationsgefühle begleiten sie und münden (bei Frauen) oft in irrationale Ängste – Angst vor dem eigenen Körper, Angst, unsauber und nicht unschuldig zu sein. Über allem schwebt die Angst, die Kontrolle zu verlieren: Die Blase spiegelt diese Dauerspannung wider, die im Verlust der Kontrolle (Stressinkontinenz) gipfelt.

Es gibt einige Möglichkeiten, Patienten mit Zystalgie das Leben leichter zu machen oder sie von ihrem Übel zu befreien. Eine Auswahl:

Die Rinde des Gewürzsumachs (Rhus aromatica), in Amerika heimisch, enthält Gerbstoffe, die antimikrobiell und entzündungshemmend wirken. Verordnet wird bei Reizbeschwerden der Blase wie häufigem Harndrang und einer Neigung zu Harnwegsinfekten. Gerne in Kombination mit Kürbis und Hopfenzapfen-Extrakt.

Petroselinum crispum ist eine der zehn gesündesten Gemüsesorten der Welt, enthüllen Wissenschaftler der William Paterson University in New Jersey/USA: Sie haben 47 Gemüse- und Obstsorten untersucht, das Ergebnis ist seit 2014 in einer Rangliste festgehalten.

Die wild wachsende Petersilie aus der Familie der Doldenblütler stammt aus dem östlichen Mittelmeerraum, wo sie allerdings nur noch selten vorkommt. Kultiviert wird sie als Küchenkraut in ganz Europa.
Zur Nutz- und Heilpflanze wurde Petersilie erst im Mittelalter. Um sie besser von ähnlich aussehenden Pflanzen unterscheiden zu können, züchteten Mönche aus der ursprünglich glattblättrigen Variante die heute bekannte krause Sorte. Beide haben eine rübenartige Wurzel.

Petersilienwurzel und -kraut werden eingesetzt bei Erkrankungen und Reizzuständen der  ableitenden Harnwege. Die Wurzeln der Petersilie enthalten, je nach Art, zwischen 0,3 und 0,7 Prozent ätherisches Öl. Kraut wie Wurzeln enthalten außerdem Flavonoide, Terpene, Furanocumarine und Phenylpropane. In Petersilie ist mit etwa 160 Milligramm auf 100 Gramm vergleichsweise viel Vitamin C. Den typischen Geruch verdankt Petroselinum crispum vor allem den Phthaliden. Da das im ätherischen Öl enthaltene Apiol zu Herzrhythmusstörungen und Fehlgeburten führen kann, sollten nur Kulturrassen mit geringem Apiol-Anteil verwendet werden. In den Früchten ist die Konzentration von Apiol besonders hoch, weshalb die therapeutische Anwendung nicht zu empfehlen ist.

Bärentraube enthält einen antibiotisch wirksamen Stoff, der im Harntrakt wirkt und den Harnfluss steigert. Brunnenkresse-Extrakt wirkt ebenfalls diuretisch und keimhemmend. Kürbissamen senken die Häufigkeit des Wasserlassens. Sonnenhut-Extrakte regen das Immunsystem an.

Auch die Echte Goldrute ist empfehlenswert: Solidago wirkt entspannend auf die Harnwege, regt die Harnbildung an und senkt dennoch die Häufigkeit des Wasserlassens.                            Um ein Extrakt zu gewinnen, werden während der Blütezeit gesammelte und schonend getrocknete oberirdische Pflanzenteile verwendet. Da eine Reizblase fast immer von mehreren Ursachen gleichzeitig ausgelöst wird, ist zu ihrer Behandlung ein Arzneimittel günstig, das mehrere Wirkmechanismen entfaltet. So zeigen Extrakte aus Goldrutenkraut Wirkung:

  • Wassertreibend: verstärkte Wasserausscheidung, ohne dass dabei die wichtigen Elektrolyte mit ausgeschieden werden; so werden Bakterien oder auch kleine Harnsteine aus den Harnwegen heraus gespült.
  • Krampflösend: Entspannt die Blasenmuskulatur, werden Schmerzen, Blasendruck und  Entleerungsreiz gelindert.
  • Entzündungshemmend: Schleimhäute schwellen ab, Wunden heilen, Schmerzen und Brennen beim Wasserlassen gehen zurück.
  • Antibakteriell: Bakterien im unteren System der Harnwege werden daran gehindert, sich zu vermehren.

Männern mit Prostatahyperplasie können Kürbissamen-, Brennnesselwurzel- und Sägepalmenextrakte helfen. Sie können weiteres Wachstum der Prostata aufhalten oder  verlangsamen und lindern Beschwerden wie häufigen Harndrang, abgeschwächten Harnstrahl und Nachträufeln. Zudem wirken sie entzündungshemmend.

2013 wurden in Laborversuchen Teilstücke des Blasenmuskels aus Schweinen untersucht. Durch Anlegen eines elektrischen Feldes wurden die Muskelstücke kontrahiert. Den Forschern gelang es, dieser Kontraktion mit Oxybutynin (einem konventionellen, krampflösenden Mittel) und mit einem Extrakt aus Kalanchoe (Kalanchoe pinnata) dosisabhängig entgegen zu wirken, hat die Karl und Veronica Carstens-Stiftung, Essen, veröffentlicht. Den bis 2014 aktuellen Stand der Forschung zu Kalanchoe pinnata und nachgewiesenen Wirkungen sowie eigene Erkenntnisse hat die Pharmazeutin Karin Monika Fürer, Zürich/Schweiz, in ihrer Doktorarbeit zusammengetragen.

Das Brutblatt gehört zur Familie der Dickblattgewächse, vor allem in Madagaskar und im Regenwald heimisch. Brutblatt ist eine Bezeichnung für eine Pflanzengattung, zu denen Arten wie Kalanchoe daigremontiana, Kalanchoe pinnata und Kalanchoe prolifera gehören. Brutblätter sind zweijährige bis ausdauernde sukkulente Pflanzen. Die wohl bekannteste Art hierzulande ist die als Goethepflanze bezeichnete Heilpflanze Kalanchoe pinnata. Das erste, 1814 unter dem Namen Bryophyllum calycinum nach Deutschland eingeführte Exemplar von Kalanchoe pinnata stammte aus dem Botanischen Garten Kew/Großbritannien und wurde im Botanischen Garten Hannover vermehrt. 1817 erhielt der Botanische Garten Belvedere in Weimar eines dieser Exemplare. Wenig später beobachtet Johann Wolfgang von Goethe dort, wie Pflänzchen an den Blatträndern der Mutterpflanze wachsen. Davon fasziniert, beginnt Goethe mit der Aufzucht und der genauen Beobachtung dieser Pflanze. 1830 schreibt er: „Wie aus einem Blatt unzählig frische Lebenszweige spriessen, mögst in einer Liebe selig tausendfaches Glück geniessen.“

Kalanchoe pinnata, auch Heiliges Blatt und 1000 Wunderpflanze genannt: Äußerlich werden Saft und Blätter bei schmerzhaften, entzündlichen Prozessen der Muskeln und Gelenke angewendet, bei Fersensporn, bei Kopf-, Ohren- und Zahnschmerzen, Verbrennungen und Insektenstichen, Knochenproblemen und rheumatischen Erkrankungen. Inhaltsstoffe des Saftes: Zitronensäure, Apfelsäure, Essigsäure, Magnesium, Calcium, Mangan, Gerbstoffe, Polysaccharide, Flavonoide. Innerlich wird die Heilpflanze als Extrakt eingesetzt – gegen Infektionen und Entzündungen sowie bei Reizzuständen und funktionellen Störungen.

Empfehlungen an Patienten:

  • Trinken Sie an die 2 Liter pro Tag, trinken Sie häufig, aber in kleinen Mengen. Denn sammelt sich zu viel Wasser in der Blase, nehmen ihr Druck und die Spannung in den Blasenwänden zu
  • Trinken Sie natriumarmes Wasser und schränken Sie Ihren Salzkonsum ein. Ebenfalls empfehlenswert: Essen und trinken Sie weniger Saures, essen Sie weniger Wurst, Innereien, dunkles Fleisch
  • Trinken und essen Sie ab dem Nachmittag keine Coffein-haltigen Getränke und Lebensmittel mehr (Kaffee, schwarzer und grüner Tee, Kakao, Schokolade) und keine scharfen Gewürze
  • Sobald Sie den Drang verspüren, gehen Sie auf die Toilette. Denn bleibt die Blase zu lange gefüllt, können sich ihre Muskeln verdicken, wodurch der Druck steigt
  • Verlieren Sie Ihr Übergewicht, das sich am Bauch ausgebreitet hat: Es drückt die Harnblase nach unten
  • Wenn Sie unter Verstopfung leiden, lösen Sie sie: Denn der Druck, der im unteren Darmabschnitt entsteht, der neben der Blase liegt, drückt diese nach unten.
  • Bewegen Sie sich, um Ihre Wirbelsäule beweglich zu halten. Alle Nerven der Blase kommen aus den Wirbeln des Kreuz- und des Steißbeins. Die Folgen von Stürzen und anderen Traumata sollten Sie therapeutisch beheben lassen, auch wenn sie schon lange Zeit zurückliegen.
  • Gleiches gilt für die Folgen von Operationen wie Narben und Briden.
  • Gewöhnen Sie sich an, aufrecht durchs Leben zu gehen und nehmen Sie dabei Ihre Schultern zurück.
  • Versuchen Sie beim Wasserlassen die Blase möglichst vollständig zu entleeren.
  • Nehmen Sie sich Zeit und setzen Sie sich nicht unter Druck. Lernen Sie entspannende Strategien
  • Trainieren Sie täglich Ihren Beckenboden: Spezielle Übungen für Männer und Frauen dienen dazu, die Muskeln zu stärken, den Harndrang besser zu kontrollieren und einen unwillkürlichen Harnabgang zu vermeiden. Eine genaue Trainingsanleitung zur Stärkung der Beckenbodenmuskulatur gibt es unter http://www.urol.de/de/reizblase/die-bedeutung-der-muskulatur.html. Extra für Frauen: Der Blasenmuskel kann eigens trainiert werden – mit  Vaginalkugeln und Konen. Diese Gewichte werden in die Scheide eingeführt; gezieltes Anspannen soll verhindern, dass sie herausfallen
  • Biofeedback: Trainieren Sie, Ihre Muskeln bewusst wahrzunehmen. Ziel der Übung: Sie lernen die Aktivität der Beckenbodenmuskulatur besser zu kontrollieren und damit zu korrigieren. Um die Muskelaktionen sichtbar zu machen, wird ein Sensor bei der Frau in der Vagina platziert, beim Mann im Anus. Im Computer wird die Muskelarbeit dargestellt, und Sie lernen, wie es sich anfühlt, wenn die richtigen Muskeln aktiv sind. Bewusst können Sie schließlich die Kontraktion selbst herbeiführen
  • Wassertreten hilft gegen kalte Füße.

Wenn alles nichts nutzt, ist eine Hormonbehandlung oder eine Operation bedenkenswert. Bei Frauen kann ein Hormonmangel in den Wechseljahren Schmerzen und Schwächung oder  Senkung im Beckenbodenbereich auslösen. In einer Hormonbehandlung werden zur Beckenbodengymnastik Hormone oral, in Cremezubereitungen in die Scheide oder als Scheidenzäpfchen vom Arzt verordnet. Sollte dies ohne Erfolg bleiben, kann eine Operation angezeigt sein, um die Blasenlage zu korrigieren, die Harnröhre mittels eines Gummibandes zu stärken  oder, bei Männern, die Prostata zu entfernen.

Oft trägt der Rücken den Schmerz der SeelePDF Icon

Chronische Beschwerden ohne organische Ursache: ein Fall für die Organsprache in der Psychosomatik

Martina Schneider im Magazin „Der Heilpraktiker“
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Für etwa ein Drittel der Patienten, die in Praxen (oder Kliniken) behandelt werden, lassen sich keine organischen Ursachen finden, die ihre mitunter heftigen Beschwerden erklären könnten. Die meisten von ihnen sind Schmerz-Patienten, die vor allem unter  Rückenschmerzen leiden. Das nächste Problem: Da über das Forschen nach möglichen Ursachen einige Zeit ins Land gegangen ist, hat sich bereits ein Schmerzgedächtnis ausgebildet, das Leiden ist chronisch geworden.

Ergebnis der aktuellen Umfrage des Meinungsforschungsinstitutes EMNID zum Thema  Schmerz:

  • Etwa 20 Millionen Bundesbürger leiden unter chronischen oder wiederkehrenden Schmerzen
  • Etwa 8 Millionen von ihnen sind stark beeinträchtigt
  • 1,6 Millionen leiden täglich unter sehr starken Schmerzen
  • Etwa 3000 von ihnen pro Jahr nehmen sich aus diesem Grund das Leben
  • 22,3 Prozent der 40- bis 60-Jährigen klagen über chronischen Schmerz, 47,1 Prozent der 75-Jährigen und älter
  • Etwa 69 Prozent der Schmerzpatienten klagen über chronische Rückenprobleme, etwa 13 Prozent über Kopf- und etwa 10 Prozent über Gelenkschmerzen
  • 59 Prozent der Bundesbürger gaben an, starken Schmerz nur wenige Stunden ertragen zu können
  • 57 Prozent der Befragten würden bei starken Schmerzen Opioide einnehmen, wenn der Arzt sie verordnet, 43 Prozent lehnen diese Behandlung ab. 2012 lehnten 60 Prozent der Befragten eine Opioid-Einnahme ab. Grund für die angestiegene Akzeptanz: Statt im Abstand von wenigen Stunden Tabletten schlucken zu müssen, greifen Betroffene zum Schmerzpflaster, das alle drei Tage gewechselt wird und deshalb den Patienten nicht „dauernd“ an seinen Zustand erinnert
  • Schmerz-Patienten fühlen sich vor allem in ihrer Lebensfreude eingeschränkt (äußerten 31 Prozent der Befragten),  bei der Arbeit (22 Prozent) und im Familienleben (21 Prozent)

Tritt vors Schienbein oder üble Beleidigung: Das Gehirn kann nicht zwischen psychischen und physischen Verletzungen unterscheiden, haben Untersuchungen mit dem Kernspintomografen gezeigt. Beide lösen Schmerz und Stress aus. Dadurch wird es möglich, dass ein körperlicher Schmerz an die Stelle eines seelischen Schmerzes tritt.

Schmerzen aus nicht organischer Ursache können eine Depression ausdrücken oder einen Burnout. Sie können Reaktion sein auf belastende Lebensumstände, eine Konfliktsituation, eine persönliche Krise, auf ein Trauma, auf Mobbing. In jedem Fall versucht die Seele, über den Körper den Blick zu schärfen auf das, was in Schieflage geraten ist, sich Gehör zu verschaffen für das, was unausgesprochen im Raum steht, und Gefühle zu äußern zu dem, was gerade das Leben schwer macht. Die Psyche ist also entscheidend: „Schmerzen im Rücken sind gewissermaßen mit Emotionen vernetzt“, erklärt Dr. Ulf Marnitz, Leitender Arzt des Rückenzentrums Berlin. Wer länger als drei Monate unter Rückenschmerzen leidet, bekommt mit einer Wahrscheinlichkeit von 60 Prozent eine Depression. Und umgekehrt können auch psychosoziale Probleme Rückenschmerzen erst auslösen.

Zwei Formen der körperlichen Symptombildung werden unterschieden:

  • Körpersymptome, die Stress oder emotionaler Erregung wie Angst, Trauer, Wut, Hass ausdrücken. Die Folge: Herzstolpern, Bauchkrämpfe, Engegefühle in Hals oder Brust, Durchfall, Reizhusten, Reizblase, Muskelhartspann, Rückenschmerzen. Die Symptome zeigen eine psychosoziale oder emotionale Belastungssituation auf, ohne sich auf einen speziellen Konflikt oder Umstand zu beziehen.
  • Körpersymptome, die über einen unbewältigten psychischen Konflikt oder Umstand Auskunft geben. Das Symptom ist Symbol. Schmerzen bestehen im Umfeld eine bestimmten Organes, Lähmungserscheinungen sind aufgetreten oder Gefühlsstörungen.

In beiden Fällen ist das Wichtigste, dem Patienten wieder Zugang zu seinen Emotionen zu verschaffen, um der Lösung seines Problems auf die Spur zu kommen. „In der Psychosomatik spielt der Schmerz als Ausdrucksform seelischen Erlebens und Verarbeitens eine herausragende Rolle“, sagt der Frankfurter Arzt für Psychosomatische Medizin, Pierre Eric Frevert. „Dies gilt mit besonderer Betonung für den chronischen Schmerz.“ Für den Münchener Psychologen Robert Betz ist das, was der Körper zeigt, „der Zustand unseres Bewusst- und Unbewusst-Seins“. Für alle Krankheiten, sagt er,  haben wir uns einmal unbewusst entschieden. „Wirkliche Heilung geschieht daher nur über den Geist!“

Dabei kann zu Beginn einer Therapie die Beantwortung folgender Fragen hilfreich sein:

  • Welche Gedanken und Gefühle hege ich zu meinen Beschwerden?
  • Welche meiner Werte werden durch sie verletzt?
  • Gibt es derzeit belastende Umstände im Leben oder Konflikte, die ich nicht wahr haben will oder denen ich nicht ausweichen kann?
  • Habe ich seelische Verletzungen erlitten oder Krisen durchgemacht, die ich noch verarbeiten muss?
  • Wozu dienen mir diese Beschwerden, was erreiche ich durch sie?
  • Welche Bedürfnisse befriedige ich damit?
  • Wovor schütze ich mich und was vermeide ich durch sie?
  • Stoßen sie eine Veränderung an, bringen sie mich auf einen neuen Weg?
  • Bin ich bereit, meine Beschwerden als etwas zu akzeptieren, das im Moment zu dem Sinn meines Lebens gehört?
  • Kann ich sie sogar als Freund akzeptieren?
  • Welches Geschenk haben die Beschwerden für mich, welche Gabe entwickele ich durch sie?

Bereits eine Antwort, die er sich gewissenhaft gibt, ebnet dem Schmerzpatienten den Weg zu Innenschau und Selbstreflexion, „unerlässlich für eine günstige Prognose“, hat Pierre Eric Evert festgestellt.

Wie können nun Rückenschmerzen übersetzt werden? Was will die Seele über den Körper aussagen? Rückenprobleme können den Betroffenen regelrecht gefangen nehmen, wenn er ans Bett gefesselt ist, oder lähmen, wenn er sich vor Schmerzen nicht mehr rühren kann. Sie belasten den Menschen, der sich zu viel aufgeladen und krumm gelegt hat – für die die Firma, für die Familie.

Vielleicht hat der Mensch aber auch irgendwann angefangen zu buckeln, sich zu verbiegen, weil er nicht anecken will, und ficht im Inneren beständig Kämpfe aus: zwischen Angst und Aggression, Unterwürfigkeit und Auflehnung, Selbstwertgefühl und Autoritätsgläubigkeit. Im Ergebnis mangelt es ihm an Aufrichtigkeit, zumal er keine Meinung mehr hat – eine Haltung schon gar nicht. Probleme an der Wirbelsäule sind Beschwerden an dem verbindlichsten Organ, das der Mensch hat; ob er der Verbindlichkeit, sprich der Verantwortung für sich selbst gerecht wird, wäre die nächste Frage.

Oder er leidet an Unruhe, an innerer Spannung, die sich in die Muskeln weiterträgt. Die Beweglichkeit wird mehr und mehr eingeschränkt, die Flexibilität ohnehin, eine wenig vornehme Steifheit ist die Folge. Oder sogar eine ausgeprägte Halsstarrigkeit. Auch dies ist eine Art von Lähmung, sobald jemandem die Angst im Nacken sitzt und das Leben diktiert. Oder zumindest das, was davon übrig geblieben ist.

Im Menschen staut sich derweil der Druck auf und kann nicht heraus; beständige Kontrolle haben den Blick fixiert, starr geradeaus, so und nicht anders. Es gibt kein Rechts und Links mehr, kein Sowohl – Als auch. Punkt! Gefühle werden als störend empfunden, vor allem die Wut gilt es zu deckeln, schon wölbt sich die Brust aggressiv nach vorne. Eine Haltung, welche die Handlungsfreiheit enorm einschränkt, denn die Hände werden gebraucht, um sie in die Hüften zu stemmen. Irgendwie muss man den Ärger doch ausdrücken!

Mitunter liegt eine Steifheit in einer Abwehr begründet. Wem schon als Kind angedroht worden ist, dass ihm das Rückgrat gebrochen werde, hat früh gelernt, sich dagegen zu wehren, indem es den Rücken versteift. Später will der Mensch auf keinen Fall mehr klein beigeben, um seine Integrität zu wahren. Nur auf den ersten Blick eine gute Strategie: Oft hat er irgendwann verlernt, nachzugeben oder sich sogar hinzugeben. Auch hier ist hilfreich, den Patienten wieder mit seinen Gefühlen zu verbinden. Vor allem die Trauer hinter der Wut vermag ihn zum Weinen zu bringen. Und wer in Tränen ausbricht, stellt fest, dass er doch nicht, wie befürchtet, zusammenbricht, sondern endlich seinen steifen Panzer aufbricht. Weil er beginnt, loszulassen.

„Sei immer stark!“ – „Sei immer perfekt!“ – „Mach immer schnell!“ – „Streng Dich an!“ – „Mach es allen recht!“ : die fünf inneren Antreiber im Menschen, die uns das Leben schwer machen, wenn wir sie nicht hinterfragen und beherrschen lernen, sondern zulassen, dass sie uns – ungefragt – beherrschen. Sie sind eine Last, ein Kreuz, bedrücken uns, setzen uns zu, machen uns Angst vor Gott und der Welt.

Jetzt bloß nicht auffallen! Sich ducken, sich drücken. Sich durchs Leben schlängeln. Dann fällt sie doch auf, die Skoliose. Welche Bedürfnisse werden sich nicht eingestanden? Weibliche (verbogen zur linken Seite) oder männliche?

Der Druck von außen scheint sich beständig zu erhöhen, der Mensch kann die Stöße des Lebens nicht mehr abfedern, ihnen nicht mehr standhalten. Er hat zu viele Aufgaben angenommen, um seiner Umwelt aufzufallen, und sich übernommen; er versucht, dem Druck zu einer Seite hin auszuweichen. Ein heftiger Vorfall ist das, der Bandscheibenvorfall. Kriminell überdies: Wie soll sich die Bandscheibe gegen beständige Erpressung wehren, ohne ausfallend und vorstellig zu werden?

Das Fazit zog Hippokrates bereist vor knapp 2500 Jahren: „Was genutzt wird, entwickelt sich, was ungenutzt bleibt, verkümmert!“

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